Neue Altstadt Frankfurt am Main, Dom Römer Areal

eingeladener städtebaulicher Ideenwettbewerb

2005

Im Bombenhagel des Jahres 1944 fiel die gotische Altstadt, die sich auf den Grundmauern römischer und karoligischer Bauten ab dem 13. Jahrhundert entwickelt hatte, in Schutt und Asche. Die brachliegende Fläche wurde jahrzehntelang als Parkplatz mit Tiefgarage genutzt.  Erhalten wurden Grundmauern aus der römischen und karolingischen Zeit, dem heute sichtbaren „historischer Garten“. An der Braubachstraße wurden im Jahr 1974, nach einer Wettbewerbsentscheidung von 1963, drei Türme für das Technische Rathaus im Zeitgeist des Brutalismus errichtet. Für Entwurf und Planung zeichnete sich das Architektenteam Bartsch, Thürwächter, Weber verantwortlich. Nach öffentlich geführten intensiven Diskussionen wurde im Jahr 2005 der Beschluss von der Stadtverordnetenversammlung gefasst, das sanierungsbedürftige Ensemble abzubrechen und das Technische Rathaus zu verlagern. Ein Stadtumbau soll Frankfurts „verlorenes Herz“ wieder zurückbringen.

…aber zu Dir, teurer Jüngling, gesell´ich mich, der Du bewegt da stehst und die Widersprüche nicht vereinigen kannst, die sich in Deiner Seele kreuzen, bald die unwiderstehliche Macht des großen Ganzen fühlst, bald mich einen Träumer schiltst, dass ich da Schönheit sehe, wo Du nur Stärke und Rauheit siehst. Lass einen Missverstand uns nicht trennen, lass die weiche Lehre neuerer Schönheitelei Dich für das bedeutende Rauhe nicht verzärteln, dass nicht zuletzt Deine kränkelnde  Empfindung nur unbedeutende Glätte ertragen könne. Sie wollen Euch Glauben machen, die schönen Künste seien entstanden aus dem Hang, den wir haben sollen, die Dinge rings um uns zu verschönern. Das ist nicht wahr! …Johann Wolfgang von Goethe, 1773

 

Städtebauliche Erläuterung

Wir können beobachten, dass Frankfurts Stadtbild durch den Umstand geprägt ist, neueste Moden zum jeweiligen Zeitgeist bereitwillig in großmaßstäbliche bauliche Ausformungen umzusetzen und gleichzeitig entsteht der Ruf nach Wahrung und sogar Imitation von Vergangenem.

Genau dieses Spannungsfeld ist zwischen Römer und Dom sichtbar und zeigt den Zielkonflikt: Einerseits wurde 1986 mit der „Schirn Kunsthalle“ von den Architekten Bangert, Jansen, Scholz, Schultes nicht mehr ohne weiteres rückzubauende Tatsachen geschaffen, die eine ursprünglich kleinmaßstäbliche Struktur zwischen Dom und Römer negieren, andererseits soll der historische Krönungsweg heute wieder erkennbar gemacht werden, und das nicht nur literarisch.

Wir sehen in dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung die große Chance, ein lebendiges Stück Lebensqualität in das Zentrum Frankfurts zu bringen: Es kann im Zentrum wieder gewohnt werden und die „Kunstmeile“ breitet sich in kleinteiligen Höfen und Galerien aus, die Stadtbücherei wird ein prominentes Domizil mitten im neuen historischen Zentrum der Stadt finden und der historische „Krönungsweg„, der das Rathaus am Römer mit dem Kaiserdom Sankt Bartholomäus  verbindet, kann wieder erlebt werden.

Der Krönungsweg

Der neue, leicht geschwungene Krönungsweg bewegt sich in Ost-West-Richtung über den Römerberg und gliedert das Areal in zwei Bereiche: Zur Nordseite hin ergänzen wir das „Steinerne Haus“ mit weiteren Stadthäusern, die einen Innenhof umschließen und von den Galerien und Läden im Erdgeschoß für die Präsentation von Kunst oder als „Erweiterung“ der Nutzungen an der Braubachstraße genutzt werden kann. Namensgeber kann der „Nürnberger Hof“ mit seinem Gewölbedurchgang sein. Zwischen dem Block „Nürnberger Hof“ und dem bereits von den Architekten Jourdan & Müller PAS restaurierten und erweiterten „Alten Zollamt„, 1926 von Werner Hebebrand im Stil der neuen Sachlichkeit entworfen und heute „Haus am Dom“ genannt, bietet sich ein Hotel mit entsprechendem Gastronomieangebot an. Die Bastion mit Café am „Krönungsweg“ und dem „Stoltze-Brunnen“, der hier bereits vor der Zerstörung der Altstadt stand und erhalten wurde, kann ein beliebter Ort zum Aufenthalt und Verweilen werden. 

Auf Seiten der „Schirn“ reihen wir entlang des Krönungswegs drei solitärstehende giebelständige Wohn- und Geschäfts-Häuser als Ergänzung und Fortführung der rekonstruierten Ost-Seite des Römerbergs. Die schmalen Durchwege zwischen den drei Häusern überwinden den Niveausprung zwischen Krönungsweg und fassen den Platz vor dem Schirncafé. Diese Häuser erhalten als Markierung der besonderen Situation einen entsprechenden architektonischen Ausdruck, weil sich hier Wege kreuzen und die Zugänge zur Schirn Kunsthalle und zu der projektierten Stadtbibliothek befinden.

Die Stadtbibliothek

Die Stadtbibliothek überbaut stützenfrei den „Historischen Garten“ der „karolingischen Kaiserpfalz“ und kann diesen unverändert als Ausstellungs- und Lesecafé nutzen. Das Hallengebäude für die Bibliothek oberhalb ist mit in Nord-Süd-Richtung spannenden Giebel- oder Sheddächern als freie und neutrale Fläche mit eingestellten Inseln konzipiert. Die Anlage kann von der Seite der Rotunde der Schirn als auch vom Domplatz erschlossen werden.

Regeln für Gestalt und Nutzung

Damit das Planungsgebiet an Homogenität gewinnt und sich in die Umgebung mit Selbstverständnis einfügen kann, ist es unabdingbar, Regeln für die Gestalt und Nutzung festzuschreiben: Sämtliche Gebäude erhalten im Erdgeschoß Galerie-, Laden- und Gastronomienutzungen. Erdgeschossfassaden können sich mit Bögen zum Straßenraum öffnen. Die Bögen erhalten steinerne Gewände, die wir auch in der Braubachstraße finden. Aufgehende Lochfassaden sollen ortsüblich verputzt werden. Die Dächer erhalten eine Schieferdeckung. Straßen, Gassen, Plätze und Höfe werden einheitlich gepflastert. Treppen im Außenbereich können aus Basaltblockstufen hergestellt werden… und so fort. Referenzen hierzu finden wir bei den erhaltenen historischen Gebäuden der näheren Umgebung. Die Auflistung der Details und Materialien ist unvollständig und beispielhaft, ein Gestaltungsbeirat sollte den Prozess begleiten und steuern. Die einzelnen Maßnahmen sollen in die Zukunft weisen, wir möchten kulissenhafte Rekonstruktionen vermeiden.

Sichtachsen

Die Neugestaltung ergänzt den historischen Bestand. Der auf- und wieder absteigende geschwungene Krönungsweg ermöglicht vielfältige Raumeindrücke und Sichtbezüge: Vom Schirncafé herab in die Gassen zwischen den Häusern, vom Hochpunkt des Weges zwischen Römer und Sankt Bartholomäus, durch die Gassen zur Braubachstraße, in den „Nürnberger Hof“. In den einzelnen Sequenzen können Merkpunkte in Form von historischen Spolien, oder auch moderner Kunst als Initiative der ansässigen Galerien, erzählend sichtbar gemacht werden.

 

Kalmbacher & Ludwig Architekten BDA

 

Auslober: Stadt Frankfurt am Main, vertreten durch das Stadtplanungsamt, Dezernat Planen und Bauen

Modell: MAD

Perspektivische Zeichnungen: Matthäus Zurowski

Historische Fotos: Presse